10.11. bis 30.12.2001, Eröffnung Freitag 9.11.2001, 20 Uhr, ACC Galerie.

so wahr wie alles war war

Die erste Einzelausstellung im ACC von Trebor Scholz, der seit mehreren Jahren
in den USA lebt, vereint Videointerviews, eine Internetarbeit, sowie eine
Diaprojektion zu den Themen Nationalismus und Bürgerrechte.

Eine Folge von 50 Dias sucht nach Verständnis für die Flut von amerikanischen
Flaggen, die derzeit die Vereinigten Staaten heimsucht. Persönlicher Schmerz,
hilfloser Nationalismus und die verbreitete Sprachlosigkeit lassen viele
Menschen zum Symbol der Sterne und Streifen greifen.

Als frisch erfundene Nationalflaggen während der französischen und
amerikanischen Revolution standen die Trikolore sowie stars and stripes für
Leben und Freiheit. In dieser Zeit egalitärer Ideale wurden Streifen mit Glück
und Frische gleichgesetzt. Dies änderte sich im 19. Jahrhundert durch die
zunehmende Industrialisierung. Vor allem vertikale Streifen galten als Symbol
von Sauberkeit und körperlicher Aktivität. Horizontale Streifen wurden
zunehmend mit Häftlingskleidung in Verbindung gebracht.

Fünfzig fünfzackige weiße Sterne auf blauem Hintergrund und dreizehn Streifen,
die die ursprünglichen Kolonien darstellten: in den USA ist die Flagge heute ein
Symbol der Solidarität mit den Verstorbenen und kollektiver Ausdruck einer
verwundeten, trauernden Nation. Doch die Flagge wird auch zur Aktivierung von
bedrohlichem Patriotismus missbraucht, der den Weg für profitable
Militäraktionen ebnet.

Wenn Amerikaner zu ihrer Flagge greifen, sollte die Welt
sich fürchten, sagen Vietnamveteranen. Da überascht es auch nicht, dass vor
wenigen Tagen der Treueschwur zur Fahne in amerikanischen Schulen wieder
eingeführt wurde. Fraglos führt dieser Patriotismus auch zu Intoleranz,
Fremdenfeindlichkeit und unangenehmen kollektiven Leidenschaften.

In den USA dient die Flagge gleichzeitig als Schutz für arabische Amerikaner und
Muslime, die sich Angriffen ihrer Mitbürger erwehren müssen. Amerikaner,
deren Ursprung man im Mittleren Osten vermutet, werden auf der Straße angespuckt,
auf Grund ihres Namens entlassen, oder von ihren Vermietern auf die Straße
gesetzt. Mehreren arabischen Amerikanern wurde das Recht auf medizinische Behandlung

abgeschlagen.

Etwa eintausend Personen sind einfach verschwunden, ohne dass
ihre Familien informiert wurden. Der FBI hält sie seit Wochen in Untersuchungshaft.
Auch in Deutschland und Holland gab es Attacken auf Immigranten, Muslime und
Araber. So wurde zum Beispiel eine islamische Grundschule in Amsterdam
niedergebrannt.

Im Oktober 2001 befragte Trebor Scholz arabische Amerikanerinnen, die im
Arab Family Center in New York arbeiten nach ihrer gegenwärtigen Situation. Diesen
Interviews sind aktuelle Befragungen Weimarer Bürger über ihre Haltung zum
Krieg in Afghanistan gegenübergestellt.

In den Vereinigten Staaten, ebenso wie in Deutschland, werden die derzeitigen Gefühle von Unsicherheit dazu benutzt, viele Bürgerrechte von staatlicher Seite her zu beschneiden. In den USA, Deutschland und Großbritanien wird die Einführung von Pässen mit digitalisiertem Fingerabdruck diskutiert. Die Internetarbeit "Look Closely" gibt dem Besucher die Möglichkeit, eigene Meinungen zu diesem Thema in ein Internetarchiv einzugeben und einer Diskussionsliste zum Thema beizutreten.

(http://www.thing.net/~sep11).

Auf einem Aufkleber an einem Laternenpfahl in Weimar heißt es "Es ist Krieg, sag’s weiter". Wie können wir der Gleichgültigkeit eines falschen Friedens entkommen? In einer gesonderten Arbeit der Ausstellung im ACC begegnen sich Trauma, Hoffnung und der erschüttterte Glauben an Sicherheit von Kosovo Albanern in Pristina und Serben in Belgrad. Festgehalten in der Form von kurzen Videointerviews, dort aufgenommen im Sommer 2001, dokumentieren diese Erinnerungen die barbarischen Folgen von Nationalismus.

Trebor Scholz arbeitet als interdisziplärer Künstler und Kurator in New York. Nach dem Studium in Dresden und London, absolvierte er das Whitney Independent Study Program in New York und lehrte als Professor für Neue Medien an der University of Arizona. Vor einem Jahr kuratierte er "Carnival in the Eye of the Storm", eine Ausstellung, Konferenz und Filmserie über den Konflikt in Kosovo. Dieses Jahr gewann er den internationalen Internetpreis der IG Metall. Er hat zahlreich in den USA und Europa ausgestellt. Derzeit lehrt Scholz als Gastdozent im M.F.A.-Programm der Bauhaus-Universität Weimar.

15.11, 20 Uhr Trebor Scholz spricht über seine Arbeit

Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet.
Eintritt frei! Führungen jeden Sonntag 15 Uhr.

Mit freundlicher Unterstützung durch das Thüringer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst.